Wo bleibt der Franken-Stablecoin? Eine Kapitulation auf Raten

Zukunftstraum Stablecoin-Franken (Quelle: goldblum.ch) Zukunftstraum Stablecoin-Franken (Quelle: goldblum.ch)

Es gibt Dollar-Stablecoins. Es gibt Euro-Stablecoins. Aber einen regulierten, breit genutzten Schweizer-Franken-Stablecoin? Fehlanzeige. Dabei würden Stablecoins das Leben massiv vereinfachen: sofortige Transaktionen, keine Bankgebühren, keine Öffnungszeiten – pure Effizienz. In der Schweiz? Ein hausgemachtes Regulierungsdebakel. Symptomatisch für ein zögerliches, abfallendes Land.

Die Ironie ist kaum zu ertragen: Der Frankencoin (ZCHF) ist zwar als grösster Schweizer-Franken-Stablecoin positioniert, aber das ist, als würde man den besten Schachspieler in einem leeren Raum küren. Der CryptoFranc (XCHF) wurde im August 2024 von Bitcoin Suisse eingestellt – ein Pionier, der kapitulierte. Übrig bleiben Nischenprojekte wie VNX Swiss Franc (VCHF) und ein paar mutige Startups, die gegen Windmühlen kämpfen.

Totengräber FINMA

Im Juli 2024 setzte die Schweizer Finanzaufsicht FINMA den Sargnagel: Die Guidance 06/2024 fordert, dass Stablecoin-Emittenten alle Inhaber von Stablecoins als Kunden erfassen und ihre Transaktionen überwachen müssen. Klingt vernünftig? Ist es nicht. Diese Anforderung geht weit über die Regulierung in der EU, Singapur, Hongkong, Japan oder den USA hinaus.

Die Konsequenz? Drei Stablecoin-Projekte, die vor der Lancierung standen, haben die Schweiz Richtung EU verlassen – und das, obwohl die EU-Regulierung als strenger gilt. Absurd.

Ralf Zellweger vom Schweizer Fintech-Startup Centi bringt es auf den Punkt: Die hohen Compliance-Kosten bei der Identifizierung neuer Kunden sind für Startups nicht mehr tragbar. Der vermeintliche Vorteil von Stablecoins – dezentralisierte Transaktionen ohne teure Intermediäre – wird durch diese Auflagen komplett zunichte gemacht.

Quadratischer Kreis

Und was macht die Schweizerische Nationalbank? Die SNB konzentriert sich auf eine Wholesale CBDC, die nur Banken und Finanzinstitutionen nutzen können. Einen digitalen Franken für die breite Bevölkerung? Alt SNB-Präsident Thomas Jordan stellte klar, dass ein Retail-CBDC momentan nicht absehbar ist, und sein Nachfolger Martin Schlegel hält daran fest.

Die SNB überlässt den Retail-Markt bewusst dem Privatsektor – was prinzipiell richtig ist. Aber dann muss der Privatsektor auch arbeiten können. Stattdessen schafft die FINMA-Finanzpolizei ein regulatorisches Minenfeld, das Innovation abwürgt.

Swiss Stablecoin: Hoffnung oder Illusion?

Swiss Stablecoin (SSC), gegründet 2022 von der ehemaligen National- und Ständerätin Pascale Bruderer, will einen regulierten und breit zugänglichen Digitalfranken lancieren. Die Vision klingt gut: Der CHFD soll CHF-basiert, wertstabil hinterlegt und in Zusammenarbeit mit starken Partnern herausgegeben werden.

Aber: Die Swiss Blockchain Federation stellt fest, dass bei den FINMA-Auflagen kein tragfähiges Geschäftsmodell mehr möglich ist. Die düstere Prognose: Schweizer Emittenten wandern ins Ausland ab, können aber ohne Einschränkungen den Stablecoin auch in der Schweiz vertreiben, solange sie hier keine physische Präsenz unterhalten.

Überforderte SNB

Was sagt die SNB? Wenig. Auf die Frage, ob die FINMA-Regularien eine Stablecoin-Ausgabe verunmöglichen, gibt die SNB keinen Kommentar ab. Inoffiziell scheint die Message klar: Wir sind nicht dagegen, aber auch nicht wirklich dafür. Eine Haltung, die niemandem hilft.

Die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg) versucht es trotzdem: Eine Gruppe von Schweizer Banken, darunter UBS, PostFinance, Julius Bär und die Zürcher Kantonalbank, lotet die Möglichkeiten eines digitalen Schweizer Frankens aus. Aber auch hier: viel Gerede, wenig Konkretes.

Statistische Null

Während Dollar-Stablecoins wie USDC und USDT die globalen Märkte dominieren, dümpelt die Schweiz vor sich hin. Die Zahlen sprechen Bände: 33 Billionen USD Transaktionsvolumen bei Dollar-Stablecoins – gegen mickrige 100 Millionen USD Kapitalisierung bei allen CHF-Stablecoins zusammen. Ein Verhältnis von 330’000:1. Eine statistische Null.

Ein Schweizer-Franken-Stablecoin könnte die Position des Schweizer Frankens als Reservewährung konsolidieren und sogar stärken, sowie zu einem Kapitalzufluss in die Schweiz führen. Stattdessen? Regulatorische Übervorsicht nach dem Credit Suisse-Debakel. Der Verdacht steht im Raum, dass die FINMA den Musterknaben spielen will und nach dem CS-Debakel überkompensiert.

Der doch so hochgelobte «Goldstandard» der Schweizer Bankenwelt bleibt ein Schlusslicht der Welt. Fallbeispiel Banküberweisungen: Die dauern in der Schweiz noch immer über Nacht – während selbst Entwicklungs- und Schwellenländer längst Zahlungen in Echtzeit haben. Hochreguliert rückständig – das ist die bittere Realität des Schweizer Finanzplatzes.

Schweiz verschläft Chance

Es ist ein Trauerspiel. Die Schweiz – einst Vorreiter im Crypto Valley – lässt sich die digitale Zukunft des Frankens durch bürokratische Überregulierung aus der Hand schlagen. Die FINMA fordert KYC für jeden Stablecoin-Inhaber, die SNB bleibt im Wholesale-Modus stecken, und vielversprechende Projekte wandern ab.

Die Schweizerische Bankiervereinigung fordert, dass Banken unter ihrer Banklizenz Stablecoins emittieren dürfen – ein kleiner Schritt, aber existenziell. Wer nicht selbst emittiert, wird irrelevant. Stablecoin-Herausgeber kontrollieren die Infrastruktur, kassieren die Gebühren und verdienen an den Reserven. Schweizer Banken ohne eigene CHF-Stablecoins werden zu Zulieferern für Tether und Circle – die Herausgeber von USDT und USDC. Zu Fussnoten im eigenen Markt.

Bis dahin gilt: Der Schweizer-Franken-Stablecoin bleibt eine Fata Morgana. Wer ihn nutzen will, muss auf ausländische Anbieter ausweichen – die dann wiederum ohne Probleme in der Schweiz operieren können. Absurder gehts nicht.

Die Schweiz braucht keine Musterknaben-Regulierung. Sie braucht Mut zur Innovation. Sonst bleibt der digitale Franken das, was er heute ist: eine verpasste Chance.


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