Trotz Lawinengefahr in den Tiefschnee? «Mir passiert das nicht»

Lawine = Grenze von «Optimism Bias» Lawine = Grenze von «Optimism Bias»

Er ist 38 Jahre alt, erfahren, gut ausgerüstet – und tot. Am Sonntag reisst eine Lawine in Davos einen Snowboarder mit. Trotz Warnstufe 4. Die Warnung könnte klarer nicht sein. Und trotzdem: Menschen gehen ins wilde Gelände. Warum? Die Psychologie hinter dem tödlichen Risiko erklärt, warum unser Gehirn uns austrickst.

Die fatale «Mir passiert das nicht»-Falle

Die Antwort liegt im Kopf. Psychologen nennen es «Optimism Bias» – die optimistische Verzerrung. Menschen unterschätzen systematisch ihr eigenes Risiko. Ob Scheidung, Unfall oder Krankheit – wir denken: «Ich bin sicherer als andere.»

Bei Naturgefahren wird dieser Bias tödlich. Typische Sätze:

  • «In unserer Gegend ist noch nie etwas passiert.»
  • «It won’t happen to me.»

Normalerweise schützt uns dieser Optimismus. Doch bei Lawinengefahr kann er das Leben kosten.

Das machte auch den Schweizer Snowboard-Crack Ueli Kestenholz unlängst zum Opfer – trotz all seiner Erfahrung. Ein Schneebrett wurde ihm zum Verhängnis, Kestenholz starb im Januar 50-jährig in einer Walliser Lawine – und dies bei geringer Lawinengefahr am Todestag.

Brutale Statistik

Rund 10 Prozent aller Lawinentodesfälle passieren bei Warnstufe 4 – obwohl diese Stufe nur 2,1  Prozent der Wintertage ausmacht. Seit 1936 starben durchschnittlich 24 Personen pro Jahr allein in der Schweiz.

Von völlig verschütteten Lawinenopfern überlebt knapp die Hälfte. Häufigste Todesursache: Ersticken.

Warum Männer öfter sterben

Wissenschaftliche Auswertungen zeigen, dass Männer ein deutlich höheres Risiko haben als Frauen, und dass junge Männer besonders betroffen sind.

Warum? Männer geraten stärker unter sozialen Druck, mutig zu sein. Frauen hören eher auf ihr Gefühl und ihre Ängste.

Instagram-Effekt

Social Media verschärft das Problem. Helmkamera-Clips, bei denen «gerade nochmal alles gut ging», locken Klicks und Dopamin-Kicks. Wer einmal den Glücksschub durch Likes erlebt hat, will ihn wiederholen – oft ohne Erfahrung oder Training.

Junge Erwachsene sind besonders gefährdet: Gruppendruck, Social Media und das Unterschätzen von Gefahren führen zu riskanten Entscheidungen.

«Nach den Profis macht es jeder»

Ständige Wiederholung erzeugt gefühlte Wahrheit. 2000 Ski-Influencer posten, ein Lawinenwarndienst warnt – doch die Mehrheit glaubt den Influencern. Zwischen 2008 und 2021 starben laut der «Selfie-Studie» weltweit 379 Menschen, die für ein spektakuläres Foto ein Risiko eingingen.

Neuere Auswertungen deuten darauf hin, dass die Selfie-Opferzahl inzwischen exponentiell steigt.

Ein weiterer Faktor: Wer sich für kontrolliert hält, unterschätzt die Gefahr. Lawinen lassen sich nicht beherrschen – die Natur entscheidet. Abseits von Pisten und Liften hat jeder Nicht-Experte nichts zu suchen. Bei Stufe 4 gilt: Risiko sehr hoch – selbst für Profis.

Die harte Wahrheit

Unser Gehirn schützt uns – und bringt uns gleichzeitig in Gefahr. Optimism Bias ist evolutionär sinnvoll, doch bei Lawinengefahr Stufe 4 lebensgefährlich.

Lawinenwarnungen sind klar: Lawinen können leicht ausgelöst werden oder spontan abgehen. Kein Können, keine Erfahrung, kein Instagram-Mut hilft. Der einzige Schutz: Verzicht.


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