In einer Welt, die zunehmend komplex, unübersichtlich und eigentlich zu vielschichtig für einen Tagesschau-Zweieinhalbminüter ist, liefern wir Ihnen dennoch täglich die wichtigsten Gefühle — vorsortiert, vorempört, vorgedacht.
Es war wieder einmal ein Tag. Irgendetwas ist geschehen. Wo genau, lässt sich am besten mit «irgendwo, wo es schlimm klingt» beschreiben. Wer genau betroffen ist, erfährt man zwischen zwei Werbeblöcken für Krankenkassen-Vergleiche und Migros-Angebote. Der Zusammenhang mit dem gestrigen Etwas? Unklar. Relevant für Ihr Leben? Statistisch: nein. Emotional: absolut.
Unser Korrespondent in Bern — der eigentlich drei Stockwerke tiefer im SRF-Gebäude sitzt, weil der Bundesrat erst morgen tagt — fasst zusammen: «Die Lage ist ernst. Oder wird es. Oder war es. Wir halten Sie auf dem Laufenden.» Schnitt. Werbung für eine App, die Ihnen hilft, weniger zu stressen.
Denn das ist das grosse Versprechen des modernen Nachrichtenwesens: Wir zeigen Ihnen die brennende Welt und verkaufen Ihnen währenddessen das Feuerlöscher-Äquivalent für Ihre Gefühle — Krankenkassen, Coop-Supercard, Matratzen. Die Dramaturgie ist perfekt. Der Kontrast ist das Produkt.
Nachrichten sind das, was jemanden dazu bringt, weiterzuschauen.»
Man hat das Publikum gut studiert. Angst hält länger wach als Freude. Empörung teilt sich von selbst. Komplexität killt die Klickrate. Also wird vereinfacht, zugespitzt, personalisiert: Hier ist der Bösewicht, dort das Opfer, und Sie — ja, Sie! — sind der moralisch überlegene Zuschauer auf der richtigen Seite der Geschichte. Lehnen Sie sich zurück. Klicken Sie teilen. Sie haben heute etwas Wichtiges getan.
Dazwischen: Werbung. Und nochmals Werbung. Und ein «Sponsored Content»-Artikel, der aussieht wie eine Nachricht, aber einer ist wie eine Zigarette wie eine Schokolade wie ein Freund ist. Nämlich: gar nicht.
Was bleibt? Die Erschöpfung eines Menschen, der täglich gefühlt durch zwölf Kriege, acht Skandale und drei Weltuntergangsszenarien gejagt wurde — und morgen früh wieder einschaltet. Weil: Was, wenn heute etwas ist? Man weiss ja nie. Das ist der Haken. Das war immer der Haken.
Ein Experte — Titel vorhanden, Fachgebiet verwandt, Meinung griffig — hat heute gewarnt. Davor, dass etwas passieren könnte. Oder vielleicht schon passiert ist. Die Sendung endet jedenfalls mit einem rhetorischen: «Was bedeutet das für uns alle?» Antwort folgt morgen. Vielleicht.
Die Zahlen kennt man. Das Gefühl kennt man. Man macht es trotzdem. Die Medizin heisst Gewohnheit, die Krankheit heisst Informationspflicht, und der Arzt verdient an beidem. n=1050. Repräsentativ. Erschreckend. Morgen vergessen.
Es war ein ruhiger Nachmittag. Für Nachrichtenredaktionen ist das eine Katastrophe. Also: Archivmaterial. Alte Konflikte, neu verpackt. Ein Hintergrundgespräch mit jemandem, der schon gestern zu Wort kam. SRF läuft. Der Werbemarkt schläft nicht.
An Ihre Prämienverbilligung? An Ihre Pensionskasse? An Ihre Franchise-Optimierung gegen das, worüber Sie gerade gelesen haben?
Natürlich nicht. Aber wir schon.
Es gibt ein Wort dafür, wenn man etwas immer wieder tut, obwohl man weiss, dass es einem schadet: Sucht. Aber Nachrichten zu konsumieren ist gesellschaftlich nicht nur akzeptiert, es ist Bürgerpflicht. Informiert sein. Dranbleiben. Als würde das Einschalten irgendetwas verändern.
Die eigentliche Leistung des modernen Nachrichtenwesens ist nicht Information — das wäre zu aufwendig. Die eigentliche Leistung ist die Simulation von Relevanz. Das Gefühl, dabei zu sein. Teilzuhaben an der grossen Geschichte der Welt, ohne aufzustehen, ohne die Wohnung zu verlassen, ohne irgendetwas zu tun ausser: weiterscrollen.
Und der Schock? Der Schock ist der Beweis, dass man noch lebt. Dass man noch etwas fühlt. In einer Zeit der Reizüberflutung ist die Empörung das letzte verlässliche Zeichen von Sensibilität. Ich bin schockiert, also bin ich. Descartes hätte es nicht schöner formuliert — und kein besseres Werbeumfeld gehabt.
Was wäre die Alternative? Weniger schauen, mehr lesen, langsamer denken. Das klingt vernünftig. Es klingt auch schrecklich langweilig. Keine Breaking News, keine Eilmeldungen, kein kollektives Kopfschütteln um 19:30 Uhr bei der Tagesschau. Nur man selbst, die Welt, und die unangenehme Stille dazwischen.
Vielleicht ist das der eigentliche Skandal: Nicht was gesendet wird — sondern warum wir nicht aufhören hinzusehen.
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